Optimist trifft auf Pessimist

Frankfurt am Main, drei Stationen mit der S-Bahn. Ein gemütlicher Mann mittleren Alters streicht sich über seinen Bierbauch, während er den Fensterplatz gegenüber von mir in der Vierergruppe einnahm. Er schaute sofort aus dem Fenster, ohne mir auch nur einen Blick zu würdigen. Mit seiner eher unauffälligen und lässigen Kleidung hob er sich von den schnicken Fahrgästen ab, sodass er eigentlich gar nicht mehr so unauffällig war, wie er es vielleicht gerne gewesen wäre. Er trug eine dunkle Cordhose und einen tarngrünen Streifenpullover. Seine Haare waren praktisch und mit wenig Liebe kurz geschoren. Sein ermüdetes Gesicht trug einen Schnauzer mit einem Dreitagebart.

Eine junge Dame stieg an der nächsten Haltestelle hinzu und setzt sich rechts von mir auf den Platz am Gang. Auch sie würdigte niemandem einen Blick. Sie ist dem Frankfurter Kleidungsstil sehr gut angepasst und fällt mit ihrem gepflegten Aussehen kaum auf. Sie war gekleidet mit einer schwarzen Hose, einem schwarzen Mantel und ihre blonden Haare wurden von einer schwarzen Mütze geziert. Nun, mich selbst betrachtet, würde ich sagen, dass ich komplett aus dem Muster fiel. Ich trug eine beigefarbene Cordhose, einen lilafarbenen Schal, eine braune Pudelmütze und eine knallorange Jacke.

Ein Bettler fragte sich durch den Gang nach einer Spende. Viele ignorierten ihn einfach oder schüttelten den Kopf. Bei uns angekommen, schüttelte die Dame ebenfalls ihren Kopf und schaute verlegen auf ihre Tasche. Der Mann sah weiter aus seinem Fenster, obwohl wir unterirdisch fuhren, um nicht zu sagen, dass er eine Wand betrachtete beziehungsweise eine schwarze Scheibe, die das Geschehen im Zug spiegelte. Er verzog keine Miene, um dem Bettler zumindest zu zeigen, dass er ihn gehört hatte. Ich sah dem Bettler direkt in die Augen und verneinte seine Anfrage. Ein Nein war ein Nein für ihn und er ging weiter seines Weges.

Minuten später sah ich im hinteren Teil des Waggons zwei auffällige Menschen, welche eine weiße Jacke trugen und damit den absoluten Kontrast zur restlichen Menschenmenge bildeten. Der Eine war dunkelhäutig, der Andere weiß. Sie könnten Studenten gewesen sein. Sie verteilten irgendetwas. Oder kontrollierten sie doch die Fahrscheine? Auf der Suche nach einer Antwort blieben meine Augen an den Beiden haften, bis sie zu uns vorgedrungen waren. Sie verteilten tatsächlich etwas. Manche Fahrgäste nahmen es einfach beiläufig an. Ihre Reaktion erinnerte mich an jene, welche man hat, wenn man in den Einkaufsgassen verteilte Flyer widerwillig annahm, um nicht Nein sagen zu müssen.

Ein junger Mann, der in der Vierergruppe diagonal nach rechts saß, nahm verdutzt seine Kopfhörer aus den Ohren, um einen der Verteiler besser verstehen zu können. Sein Blick verriet, dass er sich wunderte. Sein Gesicht sprach Bände. Er freute sich heimlich und murmelte ein leises Danke.

„Eine schöne Adventszeit wünscht der RMV“, sagte nun auch einer der beiden Männer zu uns. Zögerlich nahm die Dame, zu meiner Rechten, die Aufmerksamkeit entgegen – der Mann schnell und unaufmerksam, um sich gleich wieder seinem Ausblick zuzuwenden. „Bitte gebt meins dem Obdachlosen, der sich ein Stück weiter vorne im Zug befindet“, platzte es aus mir heraus. Nachdem mir der Verteiler versicherte, dass jeder eins bekommt, er also auch, nahm ich auch an und bedankte mich. Laut gedacht meinte ich, dass das aber eine nette Geste vom Rhein-Main-Verbund sei. Der Fenstergucker sagte, dass man vorsichtig sein sollte, mit dem, was man so isst. „Nicht alles so negativ sehen“, konterte ich freundlich. Aus der Dame rechts neben mir polterte, mit unsicherer Stimme, ihr Unmut heraus, als sie, die Grußkarte betrachtend, sagte, dass die Bahn lieber pünktlich sein sollte. Klar hatte sie recht mit dem, was sie sagte. Aber: „Es ist doch ein sehr netter Zug von der RMV, sich so ein wenig erkenntlich zu zeigen“, war meine Antwort. Der Mann wandte sich wieder still seinem Fenster zu. Sein Ohr leuchtete mir rot entgegen.

Der junge Mann, der diagonal zu uns saß, genoss sichtlich seinen Lebkuchen. Ich nickte andeutend herüber mit den Worten: „Er ist nicht daran gestorben.“ Meine Platznachbarin lachte leise auf. An der nächsten Station erhob sie sich, um auszusteigen. Ihr Gesicht sah ich auch dann nicht. An der darauffolgenden Station musste nun auch der Mann aussteigen. Er verabschiedete sich und trug ein kleines, verstecktes Lächeln in seinem Gesicht. Die nächste Station sollte meine werden.

Auf dem Bahnhof stehend hielt ich noch immer die Grußkarte und den Lebkuchen in der Hand. Am Ausgang zur Zeil hielt ich kurz inne, um erst einmal die vielen lauten Geräusche zu sortieren, die auf einmal gnadenlos auf mich einprasselten. Von irgendwo her drängte sich das Spiel einer Buschtrommel durch die Lärmwolke. Diesem folgend erspähte ich eine Trommlerin, die sich mit ihren Klängen ihre Hände warmhielt. Ein Mann warf gerade stehend eine Münze ins Körbchen und lief weiter. Es war eine kalte Spende. Eine solche, die man eben um Weihnachten herum gerne tut, um ein besseres Gewissen zu haben.

Ich legte meinen Lebkuchen mit einem Geldstück ins Körbchen. Nachdem ich auch die Münze, welche es nicht in den Korb schaffte, an ihren bestimmten Platz legte, schaute ich zu der Trommlerin auf und blickte in warme, lächelnde, braune Augen.

 

 

 

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